Eine anu ist mächtig.
Eine anu ist gerecht.
Eine anu ist die Herrscherin über das Leben.
Charlotte Heynes ist eines dieser Mädchen, das niemals auffällt. Schüchtern, rothaarig, blass.
Und doch trägt sie das Geheimnis des Lebens in sich.
Sie ist die Auserwählte und will es gar nicht sein.
Charlotte trägt die drei Zeichen des Lebens.
Dunkelblaue Augen.
Muttermale am Kinn.
Das dritte Auge.
Leseprobe:
In meinem Traum war der Vulkan ohne Vorwarnung ausgebrochen, hatte die Spitze des Berges abgesprengt und Unmengen an Lava durch die Luft geschleudert. Unmenschliches Getöse brauste durch die mit Schwefelgestank erfüllte Luft. Menschen schrien vor Angst und liefen durcheinander, manche wurden von den herunterfallenden Brocken heißer Lava erschlagen und verbrannten sofort. Nicht einmal mehr Asche war von ihnen übrig geblieben. Die Nacht war von rotem Licht durchzogen, Blitze zuckten aus dem Kelch des Vulkans; ein grausames Feuerwerk der Natur tief aus dem Schlund der Erde, die uns Leben spenden sollte und doch Tod und Verwüstung brachte. Ich hatte die Bewohner des Dorfes gesehen. Direkt in ihre Gesichter gesehen und die vor Angst geweiteten Augen, die weit aufgerissenen Münder mit den stummen Schreien der Furcht, hatten mir die Luft zum Atmen genommen. Als einer der Dorfbewohner auf mich zutrat und mich vorwurfsvoll ansah, mich an den Schultern packte und schüttelte, um mir immer wieder die gleiche, stumme und unausgesprochene Frage zu stellen. Lautlos in all dem Getöse war diese Frage über seine Lippen gekommen, aber ich wusste, welche Frage es war. Warum hast du uns nicht gewarnt? An dieser Stelle bin ich aufgewacht - wache ich immer auf -, habe geschrien und die Haut in meinem Gesicht befühlt. Der Traum ist so real gewesen, dass mein Gesicht glüht. Wie verbrannt glüht. Ich mache mir Vorwürfe, meine Nachbarn, die Menschen mit denen ich aufgewachsen war und die ich wie meine Familie liebe, in diesem Dorf nicht gewarnt zu haben. Ihnen nicht erzählt zu haben, dass ich dieses Unglück bereits vor Wochen vorausgesehen hatte. Ich schäme mich, sie in diese Katastrophe stürzen zu lassen.
Die Sache hatte nur ein Haken:
Ich bin niemals dort gewesen. Bin dort nicht aufgewachsen, kenne weder den Vulkan noch das Dorf mit Namen. Ergo kann ich auch nicht voraussagen, dass er ausbrechen würde. Kann in keine Gesichter sehen, die mir Vorwürfe machen und mich fragen, was mich zum Teufel geritten hat, sie nicht zu warnen. Ergo kann ich auch niemals mit meiner Großmutter vor dem Kamin gesessen haben, um mit ihr Kakao zu trinken und Kekse zu essen. Genau genommen kenne ich meine Großmutter nicht einmal. Sie starb in meinem wirklichen Leben viele Jahre vor meiner Geburt. Also dürfte ich diese Geschichte auch gar nicht kennen. Ich habe niemals dieses Dorf betreten, weil es dieses Dorf nicht gibt. Den Vulkan gibt es nicht und somit auch den Ausbruch nicht. Niemand hat mich fragend angesehen, niemand hat mir jemals Vorwürfe gemacht, dass ich ihn nicht gerettet habe. Das, was ich jetzt Visionen nenne, waren in meiner Kindheit Träume. So real, dass ich glaubte, eine Großmutter zu haben, die mir seltsame Geschichten erzählte.
Aber seien wir doch mal ehrlich:
Nichts von diesem kranken Scheiß war wirklich geschehen.
Eine anu ist gerecht.
Eine anu ist die Herrscherin über das Leben.
Charlotte Heynes ist eines dieser Mädchen, das niemals auffällt. Schüchtern, rothaarig, blass.
Und doch trägt sie das Geheimnis des Lebens in sich.
Sie ist die Auserwählte und will es gar nicht sein.
Charlotte trägt die drei Zeichen des Lebens.
Dunkelblaue Augen.
Muttermale am Kinn.
Das dritte Auge.
Leseprobe:
In meinem Traum war der Vulkan ohne Vorwarnung ausgebrochen, hatte die Spitze des Berges abgesprengt und Unmengen an Lava durch die Luft geschleudert. Unmenschliches Getöse brauste durch die mit Schwefelgestank erfüllte Luft. Menschen schrien vor Angst und liefen durcheinander, manche wurden von den herunterfallenden Brocken heißer Lava erschlagen und verbrannten sofort. Nicht einmal mehr Asche war von ihnen übrig geblieben. Die Nacht war von rotem Licht durchzogen, Blitze zuckten aus dem Kelch des Vulkans; ein grausames Feuerwerk der Natur tief aus dem Schlund der Erde, die uns Leben spenden sollte und doch Tod und Verwüstung brachte. Ich hatte die Bewohner des Dorfes gesehen. Direkt in ihre Gesichter gesehen und die vor Angst geweiteten Augen, die weit aufgerissenen Münder mit den stummen Schreien der Furcht, hatten mir die Luft zum Atmen genommen. Als einer der Dorfbewohner auf mich zutrat und mich vorwurfsvoll ansah, mich an den Schultern packte und schüttelte, um mir immer wieder die gleiche, stumme und unausgesprochene Frage zu stellen. Lautlos in all dem Getöse war diese Frage über seine Lippen gekommen, aber ich wusste, welche Frage es war. Warum hast du uns nicht gewarnt? An dieser Stelle bin ich aufgewacht - wache ich immer auf -, habe geschrien und die Haut in meinem Gesicht befühlt. Der Traum ist so real gewesen, dass mein Gesicht glüht. Wie verbrannt glüht. Ich mache mir Vorwürfe, meine Nachbarn, die Menschen mit denen ich aufgewachsen war und die ich wie meine Familie liebe, in diesem Dorf nicht gewarnt zu haben. Ihnen nicht erzählt zu haben, dass ich dieses Unglück bereits vor Wochen vorausgesehen hatte. Ich schäme mich, sie in diese Katastrophe stürzen zu lassen.
Die Sache hatte nur ein Haken:
Ich bin niemals dort gewesen. Bin dort nicht aufgewachsen, kenne weder den Vulkan noch das Dorf mit Namen. Ergo kann ich auch nicht voraussagen, dass er ausbrechen würde. Kann in keine Gesichter sehen, die mir Vorwürfe machen und mich fragen, was mich zum Teufel geritten hat, sie nicht zu warnen. Ergo kann ich auch niemals mit meiner Großmutter vor dem Kamin gesessen haben, um mit ihr Kakao zu trinken und Kekse zu essen. Genau genommen kenne ich meine Großmutter nicht einmal. Sie starb in meinem wirklichen Leben viele Jahre vor meiner Geburt. Also dürfte ich diese Geschichte auch gar nicht kennen. Ich habe niemals dieses Dorf betreten, weil es dieses Dorf nicht gibt. Den Vulkan gibt es nicht und somit auch den Ausbruch nicht. Niemand hat mich fragend angesehen, niemand hat mir jemals Vorwürfe gemacht, dass ich ihn nicht gerettet habe. Das, was ich jetzt Visionen nenne, waren in meiner Kindheit Träume. So real, dass ich glaubte, eine Großmutter zu haben, die mir seltsame Geschichten erzählte.
Aber seien wir doch mal ehrlich:
Nichts von diesem kranken Scheiß war wirklich geschehen.